Kulturmaschine to come?
Foto: PL
Als ich frisch an den Diebsteich gezogen war – Ende 1991, mit nicht mal 20 –, schrieb ich meinen Eltern prahlerisch nach Hause, dass meine neue örtliche Postfiliale größer sei als das gesamte Luisencenter im heimatlichen Darmstadt. Sogar den brutalistischen Betonbau am Kaltenkircher Platz sah ich damals durch die rosarote Hamburg-Brille.
Im Lauf der Jahre wich die staunende Ehrfurcht dann Genervtheit. Nicht umsonst trug das Postamt, das seinerzeit noch an den Schienenverkehr angeschlossen war und in dem mehr als die Hälfte aller nach Hamburg gehenden Briefe und Pakete über Sortierbänder liefen, den Beinamen “Filiale des Grauens”. Vorbeifahrend konnte man Kundenschlangen sehen, die bis weit auf den Parkplatz reichten; ich selbst erinnere mich, inmitten einer solchen Schlange einmal aus hilflosem Protest in den Sitzstreik getreten zu sein.
Heute, im Zeitalter der Packstationen, hat sich das Umschlagsvolumen deutlich verringert. Längst bewirtschaftet die Post nicht mehr das gesamte 44.000-Quadratmeter-Areal, dessen Großteil die Stadt 2017 kaufte, sondern ist nur noch Mieterin der Hälfte. Die Handelskette Metro ist auf das Gelände gezogen, der Rest steht leer, verfällt wie der 1972 angelegte Klinkerhügel-Vorplatz – oder wird als Raum für Kunst genutzt.
Die Hamburg Kreativ Gesellschaft vermietet einen Gebäudetrakt an Ateliergemeinschaften “zur temporären Nutzung für etwa drei Jahre”, die Play-Studios vermarkten Flächen als Event- und Dreh-Location, und dieser Tage fand in den meterhohen Hallen wie schon seit zwölf Jahren das Kurzfilm-Festival Hamburg statt. Engagiert kuratiert und angemessen provisorisch ausgestattet mit Vintage-Sitzecken von Stilbruch, dem ortsansässigen Second-hand-Kaufhaus.
Langfristig, im Zuge des großen Gesamtplans mit Fernbahnhof, Konzertarena und Fußballstadion, soll das Areal zu einer “Kulturmaschine” ausgebaut werden. Wie sich die nötigen Sanierungen – etwa der asbestverseuchten Gebäudeteile – auf den laufenden Betrieb und die Preisstrukturen auswirken, wird sich dann zeigen. Und nach dem für 2029 avisierten Komplett-Auszug der Post könnte sich auch die Frage nach einem Abriss stellen.
Anschauungsmaterial über einschneidende städtebauliche Veränderungen war beim Festival im “Post Saal” am Kaltenkircher Platz auch zu sehen, wenn auch nicht in waschechten Kurzfilmen – sondern drei dokumentarischen Perlen aus dem NDR-Archiv, die in der ARD-Retro-Mediathek zugänglich sind. Besonders eindrücklich: “St. Pauli melancholisch. Im Amüsierviertel wird saniert” (1972).